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Vom Pferdeversicherungsverein über die Interessengemeinschaft "Ernsthäuser Pferdefreunde" zum ländlichen Reit- und Fahrverein Burgwald-Ernsthausen

Vom Anfang des 20. Jahrhunderts, bis in die 60er Jahre, waren die meisten Ernsthäuser Bauern mit ihren Pferden, einem Pferdeversicherungsverein angeschlossen. Die Verwaltungs- und Inkassostelle war im Haus von Eckeperrersch, "Konrad Simon" in der Ecke >Heute Prof. Rochlitz<. Die Mehrzahl aller Pferde war hier Unfall- und lebensversichert.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß von "Eckeperrersch" ausgehend die Wurzeln des heutigen Reit- und Fahrvereines zu suchen sind.

Durch den Einsatz von modernen, schnelleren und pflegeleichteren landwirtschaftlichen Zugmaschinen, hatte das Pferd als Freund und Helfer des Landwirtes, seine Bedeutung verloren.

Die Zeit, in der, >"Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt"<, wie es in dem schönen Frühlingslied besungen wird, wa durch die Technik in der Landwirtschaft überholt worden.

Noch Ende der 50er standen 66 Pferde als Zugtiere auf unseren Ernsthäuser Bauernhöfen. Mitte der 70er Jahre waren es nur noch vier.

Diese Entwicklung mußte dringend gestoppt werden.

Im Herbst 1978 trafen sich auf Initiative und Einladung von Heinrich Simon (Eckeperrersch Henner) und Helmut Greis, ein Kreis von ehemaligen Pferdehaltern und interessierten Pferdefreunden aus Ernsthausen. Grundsatzthema war das , das zu unserem dörflichen Heimatbild gehörende landwirtschaftliche Nutztier "PFERD" sich aus dem unserem dörflich - ländlichen Bild zu verabschieden drohte.

Hier sollte und mußte Einhalt geboten werden, denn das Pferd gehörte nun einmal zu unserem dörflichen Bild.

Der Grundstein für einen Reit- und Fahrverein wurde dann bereits 1978 in der Gaststätte "Hessischer Hof" in Ernsthausen mit der Interessengemeinschaft Pferdefreunde gelegt.

Die Pferde in Ernsthausen verrichteten iheren Dienst -und wurden gebraucht.

  • für die Bearbeitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen
  • für die Arbeit in der Forstwirtschaft
  • für das Ziehen von Langholzwagen genannt Langholzfuhrwerke
  • für das Ziehen von allen Transportgütern, sowie der Müller und Mehlwagen von Bruchmühle und Nikolausmühle.
  • Für den Vorspann >ab Hof Meckelköttes, heute Heinz Cornau< als Zugunterstützung für Speditionsfuhrwerke mit schwerem Frachtgut von Ernsthausen nach Bottendorf >heute B252<.
    Die Pferde wurden dann gegen Bezahlung als Zughilfe zusätzlich vor ein Speditionsfuhrwerk gespannt. Noch heute heißt der Platz an dem nach dem Vorspannen abgeschirrt wurde im Volksmund der "Aobspann"
  • für den innerbetrieblichen Transport im Sägewerk "Balzer"
  • für den gelegentlichen Personentransport zur Kreisstadt Frankenberg
  • aber auch bis anfang des 20. Jahrhunderts wurden verstorbene Ernsthäuser mit einem Fuhrwerk zur letzten Ruhestätte auf den Friedhof des Kirchspiels Christenberg gefahren
  • doch waren die Pferde auch Begleiter bei fröhlichem und festlichen Gelegenheiten
  • sie zogen nach einer Hochzeit, meistens Montags, den festlich geschmückten Brautwagen >Einzug einer Braut mit allem Inventar einschließlich der Breutgeschenke auf den "beigefreiten" Bauernhof
  • bei der im Spätsommer stattfindenden Kirmes zogen sie in Parade- oder Sonntagsgeschirren nicht nur die geschmückten Festwagen, sondern wurden von den Ernsthäuser Kirmesburschen geritten, die den Kirmeszug in Ernsthäuser Kirmesburschen-Tracht, Hessenkittel und schwarzer Hut mit aufwendigem bunten Kopftuch hoch zu Roß anführten

Pferdeleute, Fuhrmänner, Holzfurhleute, Hufschmiede und Sattler

Der Umgang mit dem Pferd gehörte auf jedem Bauernhof der Pferde hatte, zu dem selbstverständlichen Tagesablauf, der schon sehr früh mit dem Füttern und Putzen begann und in der Erntezeit teilweise am sehr späten Abend und häufig auch nachts endete.

Weiternhin erlernten Anfang des 20. Jahrhunderts etliche junge Ernsthäuser Burschen als Rekruten und Soldaten der kaiserlichen Wehrmacht den Umgang mit Pferden in den damaligen Kavallerieregimentern und konnten später das angeeignete Wissen über Pferde nutzen und zu Hause weitergeben.

Als Fuhrmann wurde ein Gespannführer bezeichnet, der für gewerbsmäßige Speditionen und Transportunternehmen mit einem Gespann des Arbeitgebers teilweise bis zu einer Woche unterwegs war. Die Übernachtung erfolgte in speziellen Gasthöfen, die den Pferden und dem Fuhrmann Übernachtung und Verpflegung anboten.

Auch Ernsthäuser Männer waren bis nach dem 2. Weltkrieg als Fuhrleute, vorwiegend bei westfälischen und Siegerländer Unternehmen in Arbeit und Brot. Da es damals noch kein Gesetz über die Promilleobergrenze gab, waren die Fuhrmänner auch in der Hinsicht als gestandene, trinkfeste und gesangsfröhliche Männer bekannt. Noch heute heißt es, "...der kann trinken wie ein Fuhrmann" .

Spezielle Lieder die das Fuhrmannsleben beschreiben, wurden auch bei vielen Ernsthäuser Familienfesten bis hinein in die 80er Jahre, - manchmal auch noch heute >aber nur von den Alten< gesungen.

Holzfuhrleute

Da unser Ernsthausen abegelegen der hessischen und siegeländer Industriebetriebe war, stellte sich als eine der wenigen lukrativen Einkommensquellen die Vermarktung von Holz aus den heimischen Wäldern, speziell dem Burgwald, dar. Der Transport erfolgte aus den Wäldern, zu den zwei Schnittholz Sägewerken "Schied" und "Balzer", sowie die am Bahnhof ansässige Firma "Hüttemann Grubenholzfertigung"

Grubenholz wurde zugeschnitten geschählt, auf offene Waggons verladen und per Bahn zu den Zechen befördert. Hier diente es zu Abstützung der neuen Kohlestollen in den Kohlegruben des Ruhrgebietes. Weiterhin, die zwischen Ernsthausen und Münchhausen gelegene "Klammerfabrik Wagner", die speziell nur Buchenholz verwendete, das meistens von den hiesigen Fuhrwerken aus den Wäldern des Forstamtes Haina/Kloster geholt werden mußte. In gemeinsamer schwerer und anstrengender, aber auch recht gefährlicher Arbeit von Mensch und Pferd mußten die schweren Stämme gerückt, gepoltert, auf spezielle Langholzwagen verladen, gesichert -meistens über weite unwegsame Wege transportiert und dann bei den Sägewerken abgeladen werden.

Zugfestigkeit, höchste Leistungsbereitschaft und hohe Geschicklichkeit waren die Attribute, die von solchen Pferden verlangt wurden, da auch das Stammholz von den steilen Hängen der Wälder des Sauerlandes bis nach Ernsthausen transportiert werden mußte.

Konrad Simon >Eckeperrersch< (in der Ecke) wiar einer der letzten Holzfuhrleute, der bis ins hohe Alter, gemeinsam mit seinem Pferd die schwere Arbeit bewältigte. Zeitzeugen, wie Heinrich Simon können noch heute ausführlich von den schweren Arbeiten, mit denen sie selbst viele Jahre ihr Einkommen verdienen mußten, berichten.

Hufschmiede

Schlechte Wege, unwegsames Gelände und harte Böden verlangten, daß die Hufe der Pferde regelmäßig mit Hufeisen beschlagen werden mußten, um ihren täglichen Dienst ohne Schäden an den Hufen und Beinen zu überstehen. Da es zu dieser Zeit noch keine zuchtperspektivischen Charaktereigenschaften der Pferde gab, konnte das Beschlagen nicht selten für das Pferd, den Schmied und den Aufhalter zu einer nicht ungefährlichen und schweren Tortur werden.

Ernsthäuser Schmiede waren:

  • Geizes / Tripp (der Hof und die Schmiede sind nicht mehr vorhanden) in der Marburger Straße
  • Kaspersch / Hagenbach (heute Heizungsbau Werner Hagenbach) in der Bergstraße
  • Müllerbans /Röß (heute Herbert Röß) am Mühlrain

Sattler und Reparatur von Geschirren

Die Pferdegeschirre unterlagen kontinuierlicher Belastung udn Verschleiß. Sie mußten deshalb sorgfältig gepflegt und gewartet werden. Doch auch neue Geschirre mußten maßgenommen und angefertigt werden. Dafür war der Weg in den Nachbarort Münchhausen zu den Sattlern "Gottschalk" und "Sauer" (heute Möbel Sauer) notwendig.

Pferdekauf und Pferdezucht

Da in Ernsthausen so gut wie keine Pferdezucht betrieben wurde, ging der Zukauf neuer Pferde über das Geschäft mit bekannten Pferdehändlern, die mit schweren und leichten Kaltblutpferden handelten.

Pferdezucht:

Wer aber selbst Pferde züchten wollte, mußte damals mit seiner Stute zu den Hengst-Stationen der hessischen Landesbeschäler nach Frankenberg oder Amönau fahren. Die geborenen Fohlen mußten dann einer Kommision zu "Brennen" vorgestellt werden.

In den Jahren 1966 bis 1969 wurden jeweils im Frühsommer noch regionale Sichtungs- und Brenntermine im Garten des Bauunternehmers Johann Hermann Greis in Ernsthausen durchgeführt. Die Kommision bestand aus dem Dillenburger Landesstallmeister, Herrn Holzrichter, dem Gestütswärter, Rolf Müller und dem Leiter des Kasseler Pferdestammbuches, Herrn Dr. Hangen.

 

Auf welchen Ernsthäuser Bauernhöfen wurden Pferde gehalten

Für die Chronik des Reit- und Fahrvereines wurden anlässlich der 700-Jahr-Feier alle Ernsthäuser Bauernhöfe, die Pferde im Besitz hatten und haben, mit Hausnamen, Hofansässigkeit (da etliche Höfe nicht mehr existieren), Inhaber und Besitzernamen, Straße, Anzahl der Pferde und der eventuell zugeordneten Rasse aufgeschlüsselt und katalogisiert. Interessenten kann auf Anfrage eine Abschrift zur Verfügung gestellt werden.

Die Pferdefreunde, die sich 1978 in der Gaststätte "Hessischer Hof" zusammengefunden hatten, waren bis auf wenige Ausnahmen alles Ernsthäuser, die ehemals fest mit dem Pferd als Nutztier verbunden waren und die Pferdehalter, die dem ehemaligen Pferdeversicherungsvereinen angehörten. Der Pferdebestand in Ernsthausen war mittlerweile von 66 Pferden auf 4 Pferde geschrumpft.

 

Gründung des RFV Ernsthausen 1982

Da es keine Möglichkeit gab, den Erhalt des landwirtschaftlichen Nutzpferdes zu aktivieren, gründeten die 20 Pferdefreunde der Interessengemeinschaft 1982 den Reit- und Fahrverein Ernsthausen. Ziel war -und ist es noch heute, das Pferd als Sportkameraden artgerecht zu halten, zu fördern und viele Menschen zu finden, die sich dem wunderschönen Hobby Pferdezucht und Sport verschreiben.

Denn wie es so schön in den Sprichwort heißt:

"Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde"

Die Gründungsmitglieder wählten 1982 als ersten Geschäftsführenden Vorstand des Reit- und Fahrvereines

1. Vorsitzender, Helmut Greis

2. Vorsitzender, Heinrich Simon

Schriftführer, Manfred Greis

Kassierer, Heinz Müller

Sportwart, Hans Herrmann Lemmer

Platzwart, Helmut Topp

Ein wunderschönes Reitgelände, aber wie sich später herausstellte, mit einer großen Tücke, wurde dem Reit- und Fahrverein von der Gemeinde zur Verfügung gestellt. Der alte Ernsthäuser Sportplatz am "Seidenbruch" hinter der Bruchmühle war am Rande des Burgwaldes optimal gelegen.

Mit viel Eifer und Elan wurde ein Reitplatz 20 m x 40 m geschoben, eingesandet und eingezäunt. Ein alter Bauwagen wurde restauriert, grün gestrichen, mit einem Kanonenofen ausgestattet und schon wir ein kleines Vereinsheim fertig.

Nicht nur innerhalb der Woche, sondern bald jeden Sonntag Vormittag wurden bei gutem Wetter Reitstunden, unter der Leitung von Hans Herrmann Lemmer, durchgeführt.

Da nicht genügend Pferde vorhanden waren, wurde schnell ein Vereinspferd, der Schimmel "Sioux" gekauft, der bei Hans Herrmann Lemmer untergestellt war. Nun war es möglich den Mitgliedern, die kein eigenes Pferd hatten, die Teilnahme an Trainingsstunden zu ermöglichen.

Für das Training in den Wintermonaten wurde eine Hallennutzungsvereinbarung mit dem Reit- und Fahrverein Rosenthal getroffen. Die Pferde wurden dann auf dem Hänger zum Training nach Rosenthal gefahren. Die Früchte kontinuierlicher Trainingsarbeit konnten in den folgenden Jahren geerntet und eingefahren werden.

Turniererfolge worden in den folgenden Jahren

in der Dressur von Hans Herrmann Lemmer,

im Fahren von Heinrich Simon,

beim Springen von Doris Becker-Schlichterle, Helmut Greis, Stephanie Greis, Susanne Lemmer, Kerstin Engel und Helga Born,

erziehlt.

Unsere jugendlichen Reiterinnen Antje Koch, Helga Born, Kerstin Engel und Stephanie Greis gewannen 1989 unter der Leitung von Helmut Greis mit dem Ringturnier die inoffizielle Kreismeisterschaft Waldeck-Frankenberg.

Um unseren jugendlichen Reiterinnen und Reitern in den Sommerferien den Reitspaß noch etwas zu vergrößern wurden mehrere achttägige Pony-Camps in Holland durchgeführt. Ein Kinderfest, jeweils am Pfingstmontag, ein vereinsinternes Turnier und eine Fuchsjagd im Herbst rundeten über etliche Jahre den Vereinskalender ab.

Aber auch im Winter gab es viel zu tun. Einer der schönsten und größten Reiterbäller des Kreises Frankenberg, an dem alle Reit- und Fahrvereine aus der Umgebung teilnahmen, wurde vom RFV im März 1988 ausgerichtet und im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert.

Unser Reitplatz im "Seidenbruch" war zwar landschaftlich wunderschön gelegen, doch es kam aus den feuchten Wiesen des Wetschaftstales jeden Sommer die große Plage von Stechmücken, die für Mensch und Tier unerträglich waren. Mit Unterstützung der Gemeinde Burgwald wurde dann unser heutiges Reitgelände "am Steinacker" gekauft.

Doch die Planung, Durchführung und Erstellung eines Springplatzes, eines Dressurvierecks und eines Abreiteplatzes ging sehr mühsam, schleppend und zögerlich voran. Dadurch waren auch die sportlichen Aktivitäten eingeschränkt und der Verein, sowie das gesamte Vereinsleben dämmerten leider in enem gewissen "Dornröschenschlaf".

Doch im Jahr 2002 wurden vereinseigene Humanressourcen reaktiviert. Durch akzentuierte Prioritäten, neue frische Ideen und Initiativen wurden Aktivitäten und Geldmittel freigesetzt. Hohe Investitionen und viel Eigenleistung von Mitgliedern ermöglichten es dann, das in kurzer Zeit das Reitgelände mit Vereinsheim und Flutlichtanlage im August 2002 von Herrn Bürgermeister Adam Daume, unter Beteiligung von Vertretern der öffentlichen Hand, der Sportverbände und vieler befreundeter Vereine aud dem In- und Ausland, seiner Bestimmung übergeben werden konnte.

Heute trainieren regelmäßig, über 50 aktive Reiterinnen und Reiter unter der Leitung von vier Übungsleiterinnen. Unsere neue Voltigiergruppe ist ab August 2002 mit unserem Vereinspferd "Jelle", unter der Leitung von Desiree Piston erfolgreich auf Turnieren gestartet.

Der Reit- und Fahrverein hat zur Zeit über 120 Mitglieder, -mit steigender Tendenz. Über 40 Pferde, vom kleinen Pony, über Warmblut Pferde bis hin zum schweren Kaltblüter, stehen wieder in Ernsthausen. Die kurz und mittelfristige Planung ist die Förderung der Jugendarbeit, der Aufbau einer Mannschaft, die erfolgreich auf Reit- und Fahrturnieren bei unseren Nachbarvereinen starten soll. Denn der RFV plant zukünfig selbst kleinere Reitturniere der Klasse "C" auf dem Reitgelände durchzuführen.

Weiterhin gibt es optimistische Perspektiven bei der aktiven Planung für den Bau einer adäquaten Reithalle mit dazugehörigem Vereinsheim.

 

Quelle: Anhang der Satzung vom 14.02.2003

Autor: Martin Boller, ehem. Schriftführer von 2003 - 2004